Freiheit

Was bedeutet "Freiheit" Anfang April 2020 in Deutschland?

Es herrschen im Moment Angst vor Corona (verständlich) und eine unglaubliche Blockwartmentalität (vermutlich auch irgendwie verständlich). Die eigentlich relativ vernünftigen Maßnahmen zum Zeitgewinn der Bundesregierung sind, kurz zusammengefasst

  • Verbot von Großveranstaltungen bzw. inzwischen Verbot aller Veranstaltungen (Festivals, Messen, Theater, Kino, Parties, Gottesdienste)
  • Schließung der Bildungseinrichtungen (Kindergarten, Schule, Universität)
  • Schließung von Einrichtungen der Gastronomie (Lieferservice bleibt erlaubt, "To-Go"-Verkauf je nach Bundesland
  • Schließung aller "nicht-systemrelevanten" Geschäfte (Mode, Gartencenter) und Services (Friseur, Nagelstudio)
  • Besuchsverbote in Seniorenheimen und Krankenhäusern
  • "Kontaktverbot" für Privatleute im öffentlichen Raum (es dürfen nur maximal 2 Personen aus verschiedenen Haushalten zusammen draußen sein)

Nun zu den nicht mehr ganz so vernünftigen Auslegungen und Verschärfungen, die sich einige Bundesländer oder Städte noch schnell selbst ausgedacht haben:

  • Verbot, im öffentlichen Raum zu "verweilen" - also alleine auf einer Wiese in der Sonne zu sitzen (München, Berlin, Braunschweig)
  • Verbot die Umgebung der Wohnung zu verlassen
  • Verbot, Sommer- oder Ferienhäuser zu nutzen
  • Verbot für den Vater, bei der Geburt seines Kindes dabei zu sein
  • Absperrung einzelner Abteilungen mit nicht-systemrelevanten Waren in Kaufhäusern (Bayern, Ulm)
  • Taschenkontrollen von Privatleuten auf den Kauf nicht-systemrelevanter Waren in Kaufhäusern

Wem solche (oder noch bessere) Verrücktheiten begegnen, der zahlt besser erstmal nicht und dokumentiert den Vorfall inklusive der kontrollierenden Person genau. Es gibt bereits Rechtanwälte, die die entsprechenden Sammelklagen vorbereiten.

Freiheit in der Freizeit

Freiheit in der Freizeit gibt es im Moment vor allem für Leute wie mich: Kinderfreie "Hirnarbeiter" im Homeoffice mit viel zu großer Wohnung am Stadtrand und Balkon (oder Garten). Individualsportler, die sich draußen auf dem Rad oder beim joggen alleine oder mit einem Partner austoben. Naturverbundene Menschen, die sich in der Flussaue oder im Wald wohlfühlen - und dort auch hinkommen, ohne kontrolliert zu werden. Menschen mit Hobbies wie "Geocaching", "Ingress", "PokemonGo", "munzee" oder "den Hund trainieren". Schrittezähler, Homeoffice-Speck-Abtrainierer, Naturbeobachter oder -fotografen, Schleichwege-Kenner oder -sucher sind gerade jetzt bei schönem Wetter draußen unterwegs und gut gelaunt.

Freiheit gibt es aber auch drinnen: Serienjunkies schaffen endlich nochmal alle Staffeln "GoT" oder "Friends", Online-Gamer treffen ihre Freunde sowieso online, Hobbyköche und -bäcker freuen sich über die Herausforderung ohne Nudeln und Hefe auszukommen (Nudeln, Mehl, Hefe und Klopapier gehören zu den am Schwersten zu bekommenden Produkten dieses Frühjahr), Näherinnen und Näher nähen wie verrückt Mund-Nase-Masken (nicht so gut wie Atemschutzmasken aber besser als nix), es gibt Challenges zur "Klopapier-Jonglage" und die Kunstwerke großer Meister werden mit Alltagsgegenständen nachgestellt. Blogger haben endlich mal Zeit zum Bloggen und vielleicht schreibt der eine oder andere sogar ein Buch.

Es wird viel aufgeräumt und ausgemistet (die Recyclinghöfe schlagen schon Alarm), gespielt (mit der Familie oder online), gebastelt und gemalt und einfach auch geschlafen und ausgeruht. Vielleicht lernt der eine oder andere einen kreativen Umgang mit Langeweile?

Keine Freiheit in der Freizeit

Existenzsorgen, beengtes Umfeld, schwierige Familiensituation, Einsamkeit, Depressionen. Menschen, die darunter leiden verlieren jetzt. Sie verlieren Geld durch Kurzarbeit oder Berufsverbot, sie sitzen mit der ganzen Familie beengt in oft kleinen Wohnungen, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Sie müssen die Kinder zum Lernen motivieren, hinter allen herputzen, kochen und oft auch die "Launen" des Partners, der Eltern oder der Kinder aushalten. Die Partnersuche ist praktisch unmöglich, selbst bei Treffen mit Freunden wird kaum noch umarmt. Wer keinen Partner hat, bleibt allein. Wer einen "schlechten" Partner hat, muss bleiben. Die Frauenhäuser sind voll, die Archen für Kinder geschlossen. Therapie findet per Videocall statt - ist das dasselbe wie persönlich?

Wer in der Innenstadt wohnt hat oft nur einen kleinen Park in fußläufiger Nähe - und trifft dort auf viele Menschen und die Polizei. "Bleiben Sie doch besser zuhause" hört er dann. Freiheit geht anders.

Freiheit bei der Arbeit

Im Arbeitsleben sieht es wiederum ganz anders aus. Während die Bundesregierung sich anmaßt, harte Verbote und Regeln für den öffentlichen (siehe oben) und den privaten Raum (Verbot, Gäste in der eigenen Wohnung zu empfangen) auszusprechen und mit hohen Geld- und sogar Haftstrafen zu ahnden, bleibt im Arbeitsleben vieles so, wie es immer schon war.

Chefs werden "ermutigt" ihren Mitarbeitern das Arbeiten im Homeoffice zu ermöglichen - Pflichten dazu gibt es jedoch nicht. Und so sitzen Freunde von mir trotz einer Beschäftigung in der IT immer noch im Großraumbüro. Und weil Kantinen und Restaurants geschlossen sind, drängeln sie sich mittags vor der einzigen Mikrowelle in der winzigen Kochnische...

Mein Onkel, mit Mitte 60 kurz vor dem Rentenalter und mitten in der Risikogruppe muss jeden Tag mit der Bahn nach Frankfurt, um dort in einem Baucontainer mit den anderen Bauleitern und den Arbeitern Pläne zu besprechen. Weder die Bauleiter noch die Arbeiter können dabei durchgehend Atemschutz tragen oder Abstand halten. Aber, der Bau muss weitergehen!

In vielen Industriearbeitsstätten wurde die Belegschaft in eine Früh- und eine Spätschicht aufgeteilt, die sich nicht begegnen dürfen. Damit soll die Menschendichte verringert und so der Abstand erhöht werden - ohne größere Verluste der Produktivität. Die einen müssen also von morgens um 4 bis um 12:30 arbeiten, die anderen von 13:00 bis 21:30. Schutzkleidung gibt es auch hier nicht - es gibt ja nichtmal genug für das medizinische Personal.

Hilfen vom Staat

Ein Staat, der solche Einschränkungen ausspricht, muss natürlich auch dafür sorgen, dass es sich eine Mehrheit der Bürger überhaupt leisten kann, solche Einschränkungen einzuhalten. Deshalb gibt es vielfältige Hilfen

  • Studenten, deren Nebenjob wegen Corona weggefallen ist, bekommen (mehr) BaFöG
  • Selbstständige und kleine Unternehmen können Soforthilfen beantragen (allerdings auch hauptsächlich als Darlehen)
  • Firmen, deren Auslastung zu gering ist, können Kurzarbeit anmelden (Löhne und Gehälter der Angestellten werden zu 60/67% von der Arbeitslosenversicherung übernommen)
  • Mieten für derzeit nicht nutzbare Ladenlokale können ausgesetzt werden - müssen aber nachgezahlt werden
  • Rückerstattungen für gebuchte Reisen/Festivals/Veranstaltungen müssen nicht in bar ausgezahlt werden sondern dürfen die Form eines Gutscheins haben - deshalb verkaufen einige Festivals auch weiterhin munter Tickets.
  • Selbstständige Kulturschaffende erhalten Soforthilfen - allerdings als Darlehen und in den meisten bundesländern (außer BaWü) nur für "Betriebsausgaben", nicht für Wohnungsmiete und Essen.

Welche Branchen & Firmen gewinnen?

  • Amazon (liefert alles, mit Amazon Fresh auch Lebensmittel)
  • Supermärkte & Discounter mit großem Non-Food Sortiment (Spezialgeschäfte sind zu)
  • Lieferdienste für Essen und Lebensmittel (Lieferando, Lieferheld, REWEToGo...)
  • Digitalisierung/ IT, Technik (Zoom, Skype, microsoft, Kamerahersteller)
  • Streamingdienste (Netflix, Sky)
  • Pharma-Unternehmen (die die Entwicklung von Medikamenten oder Impfstoffen vorantreiben)
  • Hersteller von Schutzkleidung, Atemschutz und Beatmungsgeräten

Welche Branchen & Firmen verlieren?

  • Öl und andere Rohstoffe
  • Mobilität (Bahn, Öffis, Fluglinien & -häfen)
  • Tourismus
  • Eventbranche
  • Kunst und Kulturbranche
  • Restaurants, Bars, Diskotheken
  • Dienstleistungen (Friseur, Nagelstudio, Trainer)

Ich persönlich bin in dieser Krise vor allem dankbar. Ich bin dankbar, dass ich in einem Land lebe, das eher vorsichtig mit der Krise umgeht. In Deutschland, wo das Gesundheitssystem vergleichsweise gut aufgestellt ist. Wo zwar einige Politiker gerne mehr Macht hätten (vor allem die Herren Söder und Spahn), sie aber von der Opposition eingebremst werden konnten. Ich bin dankbar dass meine Familie und ich bisher gesund sind. Ich bin dankbar, dass ich einen guten Partner habe, mit dem ich viele Hobbies und Interessen teile. Ich bin dankbar, dass ich einen Job habe, den ich im Homeoffice machen kann und der bisher nicht unter der Krise leidet. Ich bin dankbar für eine große Wohnung (je ein Arbeitszimmer für jeden!) mit Balkon am Stadtrand. Ich bin dankbar für meine Hobbies, drinnen und draußen, von denen ich einige noch ausüben kann. Und ich bin dankbar dafür, dass ich gelernt habe, Langeweile in Kreativität umzusetzen.

Trotzdem: Wie soll das weitergehen?

Ein Medikament oder einen Impfstoff gegen CoVid19 in ausreichender Verfügbarkeit für alle wird es 2020 wohl nicht mehr geben. Und um die Ausbreitung des Virus durch eine ausreichende natürliche Immunität einzudämmen müssten sich mindestens 60% der Bevölkerung infiziert haben. Auch das wird, mit größter Rücksicht auf das Gesundheitssystem, noch sehr sehr lange dauern. Außerdem ist noch nicht klar, wie lange eine solche Immunität anhalten wird - und wie die Sterblickeit bei einer Zweitinfektion aussieht.

Angesichts der vermeidbaren tausenden jährlichen Toten im Verkehr, durchs Saufen, Rauchen, Adipositas und Influenza, über die sich kein Mensch öffentlich aufregt, muss ich mich doch fragen: Wie werden wir in einem Jahr oder in 5 Jahren über CoVid19 denken?

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